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20.11.2000 - Auslaufen einer explosiven und giftigen Flüssigkeit

Am 20.11.2000 um 16:39 Uhr wird die Ortsfeuerwehr Hameln mit folgender Lagemeldung alarmiert: "Ca. 30 Liter einer sehr streng riechenden Flüssigkeit sind in der Lagerhalle einer Spedition in der Marienthaler Straße ausgelaufen."

Um 16:42 Uhr treffen die ersten Kräfte (Hauptberufl. Wachbereitschaft) mit TLF 16/25 und RW 2 an der Einsatzstelle ein. Ihnen bietet sich folgendes Bild: ein 200-Liter-Faß des hochexplosionsgefährlichen und giftigen Pyridin ist nahezu komplett ausgelaufen und bildet eine ca. 5 x 8 m große Lache in der Lagerhalle. Die Flüssigkeit verbreitet sich rasch, und läuft auch unter weitere Palettenstapel.

 

Die Nachfrage im Gefahrstoffhandbuch ergibt, daß Pyridin dem Brennspiritus zugesetzt wird, damit dieser nicht als alkoholisches Getränk verzehrt wird. Dieses "Vergällungsmittel" ist schwerer als Luft, und kann sich somit in Senken und Kanalschächten ansammeln. Aufgrund der akuten Explosionsgefahr werden die umliegenden Wohnhäuser und angrenzende Firmen evakuiert. Auf dem Gelände der KVG Hameln wird eine Auffangstation für die Bewohner eingerichtet. In unmittelbarer Nähe des Stoffes kann nur unter Vollschutz (Chemikalienschutzanzug) gearbeitet werden. Die ersten Kräfte rüsten sich entsprechend aus, und beginnen, mit Ex-Warngeräten das Gefahrenpotential in der Halle zu erkunden. Die 7 Arbeiter, die mit dem Stoff in Berührung gekommen sind, werden von einem Notarzt untersucht und unter Beobachtung gestellt. Später kann jedoch für diese Personen Entwarnung gegeben werden: es wurden keine Verletzungen festgestellt.

 

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Das Hauptaugenmerk der Einsatzkräfte liegt nun auf der Eindämmung der sich weiter ausbreitenden Flüssigkeit und der vorsorglichen Abdichtung der umliegenden Abwasserkanälen.

 

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Da schon bald feststeht, daß die vor Ort befindlichen Kräfte nicht ausreichen werden, und noch weitere Chemikalienschutzanzüge benötigt werden, wird der Umweltzug und der ABC-Zug des Landkreises alarmiert. Während der Umweltzug die vorgehenden Kräfte personell und mit Material unterstützt, errichtet der ABC-Zug eine Dekontaminationsstelle für die verunreinigten CSA.

 

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Durch den umluftunabhängigen Atemschutz ist die Einsatzzeit des CSA auf 20-25 Minuten begrenzt. Die eingesetzten Kräfte werden immer wieder abgelöst und in der behelfsmäßigen Dusche (linkes Bild) abgespült. Das kontaminierte Wasser wird selbstverständlich aufgefangen und ebenfalls in Spezialbehältern abtransportiert.

 

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Außerhalb des Gefahrenbereichs warten immer wieder neue CSA-Träger auf ihren Einsatz. Besonderer Wert wird auf die Überwachung der Einsatzzeiten (Atemschutzüberwachung) gelegt, damit die Kräfte rechtzeitig und ohne Verzögerungen abgelöst werden können.

 

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Gabelstapler-erfahrene Feuerwehrmänner wechseln unter Atemschutz die vollen Spezialbehälter aus.

 

Um 03:05 Uhr in der Nacht war der Gefahrstoff dann vollständig mit Bindemitteln aufgenommen und zusammen mit verunreinigten Holzpaletten in die Spezialbehälter verstaut worden, so daß die Einsatzstelle übergeben werden konnte. Insgesamt waren über 100 Kräfte von Feuerwehr und Polizei vor Ort.

 

46 Chemikalienschutzanzüge wurden mit dem Gefahrstoff kontaminiert und müssen - sofern eine Reinigung nicht möglich ist - entsorgt werden.

Bleibt noch zu erwähnen, daß die Versorgungsgruppe der KatS-Bereitschaft die Einsatzkräfte mit Tee und Suppe verpflegen konnte. Bei Außentemperaturen um 5° Celsius und einer Einsatzdauer von über 10 Stunden eine hilfreiche Maßnahme.